Interview mit einer Yogini – Sarah Peele von Yogawohnzimmer

   

Hier kommen wir nun zum zweiten Interview unserer kleinen Serie mit spannenden Menschen und ihrem Yoga in unserer vielseitigen Stadt: Sarah Peele von Yogawohnzimmer.

Sarah durfte ich mehr aus einem Zufall heraus in ihren Stunden erleben, da ich normalerweise selbst zu den ihren Zeiten im Programm bin. Beeindruckt hat mich sofort diese angenehme Ruhe, die Sarah in ihren Stunden vermittelt und in die ich eintauchen durfte wie in den Gong einer überdimensionalen Klangschale. Ich gehe gerne auch mal in Yogaklassen, in denen scheinbar keine körperlichen Grenzen vorausgesetzt werden und in denen Yoga manchmal nicht mehr von Akrobatik oder Artistik zu unterscheiden ist. Da kann ich schon staunen ob all der Verrenkungen, die einem so ein Yogalehrer zutraut bzw. zumutet. Und bin dabei auch immer wieder überrascht, was „alles so geht“ wenn eine ganze Gruppe von Übenden sich einer Asana widmet (auch ein spannendes Thema für eine andere Stelle, in wie fern wir über vermeintliche Grenzen hinaus wachsen, einfach weil jemand uns etwas zutraut bzw. weil es bei dem Mädel auf der Matte neben einem so selbstverständlich wirkt).

An jenem Morgen war es eine Level 1-2 – Klasse und ich dachte, es würden „die üblichen Verdächtigen“ an Asanas angeleitet. Schon wieder so ein Vorurteil – ich weiß. Und dann passierte es: Sarah ließ uns einfach stehen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Bestimmt ein paar Minuten standen wir am Anfang unserer Matte, einfach so. Und. Wir. Atmeten.

Es war das Schönste, Feinste, Leichteste und zugleich Beunruhigendste, was ich seit Langem erlebt hatte. Es wurde auf so einfache Weise deutlich, dass Frieden in einem selbst zu jedem Zeitpunkt möglich ist. Ein bisschen erinnerte es an die Geschichte von dem Hasen und dem Igel: der Hase hetzt sich ab in dem Glauben, schneller, klüger und besser zu sein und der Igel ist bereits ein jedes Mal schon vor ihm da.

Ich bin stets auf’s Neue fasziniert, wie ein/e jede YogalehrerIn immer wieder einen anderen Aspekt des Lebens auf die Matte und damit auf die innere Bühne ihrer/seiner SchülerInnen zu holen vermag.
Das ist Yoga. Auch.

Und umso dankbarer sind wir von ShiatsuCare, dass Sarah uns hier ein bisschen mehr von dem ihrem Yoga-Weg erzählt; seid gespannt!

   

   

Liebe Sarah, wie bist Du zum Yoga gekommen und was hat es mit Dir gemacht?

Zum Yoga kam ich während meines Kunstgeschichtsstudiums in Göttingen. Neben dem sehr kopflastigen Studium sehnte ich mich nach einem nachhaltigen Ausgleich. Diverse Fitnesskurse hatten bis dahin nur zu noch mehr Stress und Anspannung geführt und nicht zu dem erhofften körperlichen Wohlbefinden.

Freundinnen nahmen mich dann mit zum Yoga. Ich war beeindruckt von der Flexibilität der Kursteilnehmerinnen (Durchschnittsalter 50+) und fühlte mich daneben total unbeweglich. Die anfängliche Verwirrung in den Sonnengrüßen (‚wann soll ich noch mal ein- und ausatmen?‘) legte sich bald und schnell bemerkte ich körperliche Veränderungen. Mein Rücken fühlte sich – vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben – stark und aufrecht an und ein Gefühl der inneren Gelassenheit stellte sich ein.

Beeindruckt war ich auch von der Art meiner damaligen Yogalehrerin. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, Fehl am Platz zu sein… so wie ich war, war ich genau richtig. WOW! 🙂 Keine Spur von Konkurrenz oder Überheblichkeit. Es hatte mich eigentlich von Anfang an gepackt.

   

   

Du selbst bist langjährige Yoga-Lehrerin: gibt es noch einen Bereich im Yoga, der Dir Angst macht und wenn ja, wie gehst Du damit um bzw. heran? Wie führst Du Deine SchülerInnen an die ihre Angstthemen heran?

Oh ja, der Klassiker: die Umkehrhaltungen, Kopfstand, Unterarm- und Handstand. Als ich mit dem Yoga anfing, war mir diesbezüglich nicht bewusst worauf ich mich eingelassen hatte… und das war vielleicht auch ganz gut so. Meine zweite Yogastation war in Aberdeen, wo ich meinen Master machte. Ich fand auch dort eine tolle Yogalehrerin. Da das Studium intensiv war und der Stresslevel hoch, hatte ich das Gefühl ich muss alles in Perspektive rücken (das Studium nahm enorm viel Raum ein). Dieses ‚in Perspektive rücken‘ war dann dort auch sehr wörtlich zu nehmen, da ich dort mit meiner Angst vor Umkehrhaltungen konfrontiert wurde. Ich weiß noch, dass ich in dem Moment am liebsten den Kurs verlassen hätte; auch als Kind konnte ich keinen Handstand und dachte, als erwachsene Frau werde ich das ja nun erst recht nicht lernen. Kein ‚Muscle memory‘ auf welches ich zurückgreifen konnte – ein schlechter Scherz sozusagen.

Zum Glück bin ich nicht einfach gegangen und zu jeder Zeit an den richtigen Lehrer geraten. Auch dort hatte ich eine geduldige und verständnisvolle Lehrerin. Wir übten mit diversen Hilfsmitteln und in 3-er und 4er Gruppen, so dass ich mich traute die Welt auf den Kopf zu stellen.

Diese Situation, die Angst vor einer Yogahaltung und das Gefühl sich dieser Situation trotzdem zu stellen, machte mich dann so neugierig, dass mich das Yogafieber so RICHTIG packte. Ich entwickelte ein völlig neues Körpergefühl und merkte es ist nie zu spät damit anzufangen.

Zugegeben: noch heute bin ich kein großer Fan von manchen Umkehrhaltungen. Es gibt Phasen, da übe ich sie aber sehr gern und merke auch schnell den positiven, oft energetisierenden Effekt.

In meinem Unterricht versuche ich meine Schüler zu ermutigen, über ihre gedachten Grenzen zu schauen, zu testen was möglich sein könnte oder was sie blockiert. Manchmal ist es vielleicht auch ganz gesund, diese Grenzen einzuhalten. Sich bewusst machen, aus welchem Handlungsmuster man agiert. Ist es weil ich IMMER Angst vor neuen Situationen habe oder ist es weil mein Körper tatsächlich einfach gerade (noch) nicht bereit ist. Bei mir hat es z.B. lang gedauert bis ich überhaupt die Kraft in den Armen und im Zentrum für einige Asanas hatte. Das muss man dann ernsthaft abwägen und als erfahrener Lehrer bekommt man irgendwann einen ganz guten Blick dafür, wer bereit sein könnte und wer sich vielleicht in einer Art ‚Schonhaltung‘ befindet und ein wenig zutrauen von außen benötigt.

Ich hoffe, dass ich durch meine eigene Erfahrung motivieren und inspirieren kann, jeglichen Situationen im Yoga aus einer inneren Neugier anzugehen, um die körperlichen Prozesse wahrzunehmen und in den eigenen Körper zu finden. Dieses dann auch noch auf das alltägliche Leben zu übertragen, das ist für mich das Spannende am Yoga… gar nicht so sehr die äußere Form.

   

Oh ja, ein spannendes Thema sicherlich für jeden von uns – diese „gedachten Grenzen“… Was sind Deine Erfahrungen: In welchen Situationen kann Yoga im Arbeitsalltag helfen bzw. unterstützen?

Yoga hat mir in den verschiedenen Lebensphasen (Studium, Job) immer wieder aufgezeigt, dass da noch mehr ist als die Arbeit. Ich habe mich in alles immer zu 150% gestürzt und wollte alles immer extragut machen. Darin habe ich mich ein bisschen selber aufgegeben und den Blick für’s, nennen wir es mal‚ das Wesentliche‘, verloren. Natürlich wollen wir alle einen guten Job machen, aber wenn ich in mein Umfeld blicke, dann nimmt diese Arbeit meist so viel Zeit und Energie in Anspruch, dass gefühlt die ganze Welt auf ein ‚Riesen Burn-out‘ zusteuert. Die Arbeit nimmt auch zu Hause beim Abendbrot noch einen riesen Platz ein, weil man nicht abschalten kann. Am besten kaut man den ganzen Arbeitstag noch mit seinem Partner durch (der es auch nicht mehr hören kann… alles schon gehabt), so dass am Ende diese vielleicht auch noch auf dem Spiel steht.

Da kommt dann Yoga bzw. Meditation auf den Plan. Dieser klare Moment auf der Matte, in dem es möglich wird eine Grenze zu setzen, zu reflektieren und sich dem großen Ganzen wieder zu öffnen, finde ich jedes Mal wieder bemerkenswert. Ein Problem was vorher da war, ist plötzlich gar kein Problem mehr, einfach, weil man richtig geatmet hat. Vielleicht ist das ‚Problem’ noch da, aber die Bedeutung dessen nicht mehr so groß und dieses Gefühl, es gibt für alles eine Lösung. Es wird möglich, Pausen zwischen den Gedanken entstehen zu lassen. Das ist pure Freude und Freiheit für den Geist.

   

Besonders auffallend ist die Qualität der Ruhe, die Du immer wieder in den Deinen Klassen vermittelst. Was bedeutet diese Ruhe für Dich in Deinem Leben und wie können wir alle diese mehr in unseren Alltag auf die Bühne holen?

Ich komme ursprünglich aus Flensburg und merke, dass ich in dem Großstadttrubel die Ruhe des Nordens immer mehr vermisse. Dieses Gewusel und das Leben, das mich anfangs fasziniert hat, ermüdet mich manchmal sehr. Ich habe nach dem Studium eine Zeit in New York verbracht und fand das Leben und den Trubel toll – das kann natürlich auch etwas belebendes und inspirierendes haben! Aber dieses Tempo dauerhaft zu leben ist nicht meins. Ich bin zwar ein geselliger Mensch und liebe es unter Menschen zu sein – genauso liebe ich es aber auch einfach nur Zeit für mich zu haben. Einen Moment, in dem ich mich ganz auf mich besinnen kann, in dem vielleicht sogar ein Gefühl von Langeweile entstehen kann. Im Winter hatte ich eine Zeit, in der ich aus gesundheitlichen Gründen nicht viel Yoga praktizieren konnte. Meine Geduld war gefragt und ich verbrachte viel Zeit mit Nachdenken. Dieses Gefühl immer beschäftigt sein zu müssen, kommt ja oft aus der Angst vor Langeweile und damit die Angst vor den Gefühlen oder (Lebens-)Fragen die dann auftauchen. Unsere Zeit hier auf der Erde ist nun mal begrenzt und da stellt sich auch immer mal wieder die Frage, was das alles für einen Sinn hat. Man kann sich ablenken, davon laufen, betäuben mit Arbeit, Alkohol, Drogen, oder eine Alternative dazu suchen. Für mich ist das seit einigen Jahren Yoga und Meditation, um diesen Fragen auf die Spur zu kommen. Das Mühsame oder vielleicht auch Schöne daran ist, dass das ein Prozess ist. Immer im Wandel aber doch eine Konstante. Ich glaube wir könnten alle eine gehörige Portion Ruhe und Gelassenheit vertragen, um den Antworten, die in uns schlummern, lauschen zu können. 🙂

Deshalb ist zusammen mit meinem Mann (der auch Yogalehrer ist) die Idee für das ‚yogawohnzimmer‘ entstanden. An besonderen Orten die zu Ruhe und Besinnung einladen schaffen wir einen Ausgleich zum Großstadt-Dschungel und einen Raum sich selbst zu begegnen.

Liebe Sarah, vielen DANK für dieses Interview!

   

Finden könnt‘ Ihr Sarahs schöne Yogastunden unter:

facebook.com/yogawohnzimmerberlin

instagram.com/yogawohnzimmer

   

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