Interview mit einem Yogi – Mischa Straßner von babeltiger.de

„Yoga? Macht doch jeder.“ Dies war die spontane und erstmal salopp anmutende Antwort, welche ich von meinem Kollegen Lars auf die Frage erhielt, warum Yoga im Arbeitsalltag für unsere Kunden in ihren jeweiligen Firmen so wertvoll sein könnte. 
Und tatsächlich wird gerade in Berlin der Weg des Yoga nicht mehr als esoterische Randerscheinung wahrgenommen, sondern als eine alle Lebensbereiche durchdringende Haltung und Ausrichtung auf körperlicher, geistiger sowie emotionaler Ebene.

Ich sage den TeilnehmerInnen in den Firmen gerne zu Beginn, dass Yoga im Grunde nichts Besonderes ist. Die Art und Weise wie wir die Dinge tun – und da sind alle unsere Tätigkeiten eingeschlossen – macht unsere Taten zu etwas Besonderem. Somit kann Yoga unsere täglichen Mahlzeiten, das Zähneputzen und die Kinder in die Kita bringen yogisch tränken, indem uns immer wieder die Ausrichtung unserer Sinne bewusst wird. Yoga ist für mich wie eine Brille, die ich aufsetze und die den Blick schärft für die kleinen Dinge des Lebens, für seine Feinheiten, Details und Nuancen, für das, was ganz von Innen kommt. 
Somit beinhaltet der Satz „Yoga macht doch jeder“ auf den zweiten Blick diese schöne Wahrheit, dass Yoga etwas ganz Selbstverständliches für uns sein kann.

Im ersten Teil unserer Serie „Interview mit einem Yogi“ erzählt uns Mischa Straßner, Gründer und Autor des Yoga-Blogs babeltiger.de wie er zum Yoga kam und wie er Yoga in seinen Alltag integriert. Entstanden ist ein spannendes und berührendes Interview, in welchem sich bestimmt so manche/r LeserIn wieder findet. Auf seine offene und ehrliche Art macht Mischa auch jedem Yoga-Beginner auf seinem „leisen“ Blog Lust auf mehr seiner persönlichen Erlebnisse und Geschichten in der Welt des Yoga, auf sein Wissen und seine leicht zugänglichen Ausführungen rundum die Yoga-Philosophie. Überzeugt Euch selbst!

   

   

Hallo Mischa, Du machst Yoga und Meditation. Wie bist Du dazu gekommen? Und was hat es mit Dir gemacht?

Ich war Zeit meines Lebens so ein typisches Leistungstierchen und habe recht früh Karriere gemacht. Von außen sah mein Leben wahrscheinlich ziemlich perfekt aus. Doch in meinem Inneren kämpfte ich oft mit mir, da ich meinen Ansprüchen nie gerecht werden konnte. Ich glaubte mich immer weiter selbst optimieren zu müssen.
Wie erfolgreich ich auch sein mochte und was ich auch tat, es schien nie genug zu sein. Ich schien nicht zu genügen! Die meiste Zeit über war ich rastlos, denn ständig gab es noch irgendetwas zu tun. Ich hatte Angst Dinge zu übersehen oder Fehler zu machen. Vor öffentlichen Auftritten konnte ich oft nächtelang kaum schlafen. Längst ahnte ich, dass ich weit weniger Kontrolle über mein Leben hatte, als ich es mir gerne glauben machte. Diese Unsicherheit konnte ich schlecht aushalten.
Und so begann ich schließlich eifrig, sportliche Yoga-Klassen zu besuchen. Durch die Körper- und Atemübungen wollte ich noch leistungsfähiger werden und auch ganz konkret meine Aufregung besser in den Griff bekommen. Was mir auch gelang. Aber darüber hinaus machte ich eine Erfahrung, mit der ich überhaupt nicht gerechnet hatte: Eine tiefe Zufriedenheit stellte sich ein, die mir weder meine bisherigen Erfolgskicks oder die Anerkennung Anderer so bieten konnten. Ich wurde freundlicher zu mir selbst – großzügiger, gelassener und insgesamt freier.
Das faszinierte mich sehr. Ich fragte mich, welche Kostbarkeiten Yoga neben den körperlichen Asanas noch zu bieten haben könnte und fand so unter anderem zur Meditationspraxis.
Auf meiner Schatzsuche entdeckte ich Erstaunliches: Früher wartete ich darauf, dass mich mein wahres Leben endlich abholen würde. Ich hatte das Gefühl, dass mein Glück nur in der Zukunft möglich sei und irgendwo dort auf mich warten würde. Heute weiß ich, auch Dank Yoga, dass ich bereits angekommen bin.

Das klingt sehr friedlich. Gibt es denn noch einen Bereich, wo Du so etwas wie Angst oder innere Blockaden erfährst? Wenn ja, wie gehst Du damit um? 

Haha! Nur einen Bereich? Das passiert mir andauernd! Im Alltag genauso wie in meiner yogischen Asana-, Atem- und Meditationspraxis. Und das ist gut so.
Diese starken und unangenehmen Gefühle sind Hinweise auf meinem Weg. Angst, Schmerz, Wut, Unruhe und Traurigkeit sind die Trittsteine, ohne die ich nicht weiterkommen würde.
Wenn ich ihnen nicht aus dem Weg gehe, so sagen sie mir auf sehr eindrückliche Weise, wo genau ich etwas über mich herausfinden kann. Denn sie sind in der Regel mit blockierenden Gedanken verbunden.

Es mag absurd klingen, aber manchmal freue ich mich regelrecht über solche Gefühle. Sie geben meiner Praxis mehr Kraft und Richtung.
Leiden ist in diesem Leben sowieso unvermeidlich. Es geht mir daher nicht darum mich mit Yoga und Meditation in einer Komfortzone einzukuscheln und mein Leiden auszuschließen, sondern vielmehr darum bewusster zu leiden!
Inzwischen beobachte ich diese unangenehmen Gefühle nicht nur, sondern lasse sie mit allen Sinnen durch mich hindurchrauschen.
Der große Unterschied im Vergleich zu früher ist: Gefühle und Gedanken entstehen zwar immer noch in mir, aber ich glaube sie nicht mehr so sehr. Sie machen mich nicht wirklich aus. Sie kommen. Und sie gehen vor allem wieder.
Und ich stelle fest, wie schnell sie sich verändern und dass ihr Gegenteil oft genauso wahr sein kann. Dadurch verlieren sie ihren Schrecken und ich stehe danach schneller wieder auf. Das hat alltagspraktisch viel mit Resilienz zu tun. Dahinter liegt aber ein noch viel größeres Geheimnis.

„Resilienz“ bedeutet ja eine Art erlernte psychische Widerstandsfähigkeit… Was sind Deine Erfahrungen: In welchen Situationen kann Yoga und Meditation im Arbeitsalltag helfen?

Auf einer Ebene, die vor allem unseren inneren Antreibern und womöglich auch unseren Arbeitgebern gefällt, kann uns Yoga helfen, besser zu fokussieren und länger durchzuhalten.
Ich beispielsweise fühle mich durch meine Praxis insgesamt ausgeglichener. Ich komme zur Ruhe, während ich gleichzeitig hellwach bin. Und wenn ich nicht damit übertreibe, dann werde ich fitter und erfahre so optimaler Weise weniger körperliche Schmerzen.
Das liegt vor allem daran, dass ich auf mehreren Ebenen in einen achtsameren Kontakt mit mir gehe: Ich nutze bewusst meinen Körper. Ich atme ruhiger und tiefer, was mein Nervensystem und viele Stoffwechselprozesse harmonisiert, aber auch meinen Geist beruhigt. Ich nehme dann sehr genau wahr, in welchem Zustand ich mich gerade befinde und kann dort, wo es sinnvoll ist, schneller entspannen oder aktiv dafür sorgen, dass sich meine Situation verbessert.

Yoga vermag meine Aufmerksamkeit aber noch auf viele weitere Aspekte meines Arbeitslebens zu lenken:
Während meiner Arbeit begleitet mich Yoga schon mit dem Aufstehen. Ich bemerke was ich geträumt habe und in welchem Zustand ich aufwache. Bin ich am Morgen ausgeruht oder schon angespannt?
Statt sofort in die üblichen Morgenroutinen zu verfallen, mache ich mir bewusst, dass ich in diesem Augenblick hier bin. Ich spüre die Temperatur der Dusche. Ich schmecke meinen Tee.
Ich sorge gerne dafür, dass ich meine Praxis an einem aufgeräumten und freundlichen Ort machen kann.
Ich sehe welche Farbe das Licht dieses Tags hat. Ich höre die Geräusche im Haus und unten im Hof.
Ich spüre meine Stimmung und auch meine Atmung auf dem Weg zur Arbeit.
Gehe ich freundlich mit mir um oder kämpfe ich schon innerlich? Und wie wirkt sich das darauf aus wie ich mit meinen Kollegen umgehe?
Wie mache ich die Dinge, die ich zu tun habe? Fühle ich mich dabei abgelenkt, entfremdet, erschöpft, unzufrieden? Oder bin ich im Kontakt mit mir und tue die Dinge auf eine Weise, die mir und meinen Möglichkeiten an diesem Tag entspricht?
Wie viel hat meine Aufgabe mit mir zu tun? Passt sie wirklich zu mir, kann ich darin wachsen?
Fühle ich mich in etwas Größeres eingebunden, das über mich hinausgeht?
Eine ganzheitliche Yogapraxis durchdringt letztlich jeden Aspekt meiner Arbeit, genauso wie jeden anderen Teil meines Lebens!

Du bietest einen „leisen“ Yoga-Blog an, welcher sich intensiv mit den Themen des Yoga und der Meditation beschäftigt – wie bist Du dazu gekommen, was ist Dein Anliegen und was können die LeserInnen da für sich mitnehmen?

Es gibt Yoga-Blogs, die sich viel mit Körperhaltungen und dem eher lauten Aspekt des „Machens“ beschäftigen. Andere konzentrieren sich auf Lifestyle-Phänomene, Yoga-Produkte, Yoga-Food und so weiter und bewerben das. Natürlich beinhaltet Yoga, wie alle äußeren Erscheinungen, eben auch die Ebene der Form. Doch diese Formen sind letztlich leer. Ich nenne meinen Blog „leise“, weil mir besonders die inneren Prozesse der Selbsterfahrung und die Stille dahinter am Herzen liegen.

Wer sich auf meinem Blog umsieht, kann vor allem Anregungen finden, um sich selbst zu befragen: Was treibt mich an? Woher kommen meine Ansprüche? Sind es wirklich meine eigenen? Gibt es etwas hinter dieser Idee von „mein“ und „Ich“?
Der Blog versucht auch eine Idee davon zu vermitteln, was Yoga neben den körperlichen Übungen der Asanas noch so zu bieten hat und inwiefern das alles ineinandergreift. Es gibt außerdem konkrete Anleitungen für die eher leisen Praxisformen von Meditation und Pranayama, also die yogischen Atemübungen. Letztlich suchen wir ja alle unseren eigenen Weg, ob wir Yoga nutzen oder etwas Anderes.
Ich freue mich einfach über alle, die auf meinem Blog eine kleine Inspiration für sich selbst finden.

Lieber Mischa, hab‘ vielen DANK!

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